You are currently browsing the tag archive for the 'Gastbeitrag' tag.

Heute habe ich die Ehre das Werk eines jungen, aufstrebenden Kollegen zu präsentieren. Der Journalist Minh-Duc Nguyen, derzeit bei FLUTER, schreibt im Gastbeitrag über zwei Freiburger, die nach Tansania gefahren sind – mit ihren Fahrrädern. Ihre Vision: Afrikanische Schulen mit alten Rechnern ausstatten.

*****

1Zwei Monate sind vergangen, seit Andreas Drews wieder in Freiburg ist. Er hat sich rasiert und die Haare kürzen lassen. Die Gelassenheit, die er von seiner Afrikareise mitgebracht hat, erkennt man an seinem Auftreten, seiner Art zu reden. Und an seiner Verspätung. Eigentlich ist Andreas ein ganz normaler Student im sechsten Semester, Studiengang Mikrosystemtechnik, wenn er nicht vor einem Jahr auf die Idee gekommen wäre, mit dem Fahrrad nach Tansania im Südosten Afrikas zu fahren. Fahrradfreak sei er schon immer gewesen, sagt Andreas. Und mit seinem Freund Martin Schumacher hat er schon einige Radtouren unternommen. Nach Skandinavien beispielsweise. Oder nach Griechenland. Aber eine Reise gen Süden, nein, das sei etwas ganz Neues für die beiden gewesen.

Angefangen hat alles mit seinem Engagement bei „Ingenieur ohne Grenzen“, einer regierungsunabhängigen Hilfsorganisation, kurz NGO: Ziel dieser Organisation ist es, die Entwicklungszusammenarbeit durch Technologie- und Wissenstransfer zu fördern. Im Laufe seines Engagements schleicht sich langsam die Frage ein: Wie und wo ist die Entwicklungsarbeit sinnvoll? Und so kam Andreas auf die Idee eine Radtour nach Afrika zu unternehmen, um vor Ort die Antwort für sich zu finden. Zusammen mit seinem Freund fing er an, ihr „Projekt“ auszuarbeiten. Am Ende standen sie vor einer großen, vor allem aber zeitintensiven Aufgabe: Eine sechsmonatige Fahrradtour in Richtung Tansania, durch die Schweiz, Italien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia und schließlich Dar Es Salam, die inoffizielle Hauptstadt Tansanias. Eine Strecke von knapp 6000 Kilometern.

„Wir haben zwei Monate lang auf unsere Felge gewartet“

2Eine Reise, die aus eigener Tasche nur bedingt finanziert werden konnte. Und so begann die Suche nach Sponsoren. Vom Fahrradhändler über Solarpanellenhersteller bis hin zum Landkartenunternehmen, bei allen mussten sie nachfragen. „Am Anfang hatten wir große Schwierigkeiten jemanden zu finden“, erinnert sich Andreas. Am 12. November 2008 war es aber soweit. Mit zwei hochwertigen Fahrrädern, 111 Kilogramm Gepäck, einer kleinen Kamera und diversem Equipment starteten sie in Richtung Afrika. Außerdem mit im Gepäck: ein Projekt namens Linux4Afrika, auf das ich noch zurückkommen werde.

Die erste Etappe führt über die Schweizer Grenze. Dort dürfen sie streckenweise mit einem LKW mitfahren. Nach einer Woche erreichen sie Palermo. Von hieraus sind es weniger als 200 Kilometer Luftlinie nach Afrika. In Tunesien angekommen haben sie schon die erste, prägende Begegnung mit der afrikanischen Kultur: Knapp 300 Kilometer vor der libyschen Grenze riss eine Hinterradfelge. Da die Felgen für schwere Last konstruiert wurden, sind sie mit 32 Löchern versehen. Und genau hier beginnt die endlose Suche: In den meisten afrikanischen Fahrradgeschäften gibt es nur Felgen mit 36 Löchern. „Wir haben mehr als zwei Monate lang auf die Felgen gewartet“, erinnert sich Andreas. Zwischenzeitlich mussten sie 32 neue Löcher in die alte Felge bohren, um weiterfahren zu können. Dass das Fahrrad dementsprechend eierte, daran war nichts zu ändern.

Kaum ist die neue Felge angekommen, stehen die beiden vor einem neuen Problem. An der tunesisch/libyschen Grenze lässt ihr Tourguide, den sie über das Internet gebucht haben, sechs Stunden lang auf sich warten. Als er dann endlich erscheint, teilt er den beiden mit, dass sie die Grenze Libyens nicht passieren dürfen. „Die Stimmung hat sich geändert, ich werde mich aber bei euch melden.“ An dieser Stelle muss Andreas schmunzeln.

Ein Stich, ein letztes Mäh, dann ist das Schaf bereit, ausgenommen zu werden

Zum ersten Mal hält Andreas kurz inne, lehnt sich ganz zurück und fährt fort. Nachdem ihnen die Durchquerung Libyens verweigert wurde, müssen sie nach einem geeigneten Platz zum Zelten suchen, wo sie schlafen und warten können. Darauf, dass sie sobald wie möglich Libyen durchqueren dürfen. Bei einer Straßensperre werden sie schließlich von der tunesischen National-Garde aufgenommen und bekommen die Erlaubnis, in deren Kaserne ihre Zelte aufzuschlagen. Was sie am nächsten Morgen beim Aufwachen sehen, glauben sie zunächst nicht: Soldaten in kurzen Hosen versammeln sich vor der Kaserne, es wird getanzt und gesungen. Im Hintergrund stehen zwei Schafe, die im nächsten Augenblick geopfert werden. Denn es ist Ende November, Zeit für das „Opferfest“ im islamischen Kalender.

3Ein paar Männer halten das Schaf fest, ein Stich, ein letztes Mäh, dann ist das Tier bereit, ausgenommen zu werden. Ein Anblick, den Andreas bis heute nicht vergessen kann. „Für mich als Stadtmensch war diese Erfahrung etwas ganz Neues“, sagt er im leisen Ton, als müsste er sich für seine Unwissenheit entschuldigen. Für ihn komme das Fleisch aus der Theke. Trotzdem sagen beide zu, als sie von den Soldaten zum Frühstücken eingeladen werden. Es gibt natürlich Schaffleisch. Zwei Wochen sind vergangen. Mittlerweile hat sich ihr Tourguide wieder gemeldet. Sie dürfen Libyen durchqueren.

Sie müssen mit ansehen, wie eine geladene Kalaschnikow gegen sie gerichtet wird

Kurz vor dem Ziel in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, wollen sie sich nach einer durchzechten Nacht entspannen. Um eine bessere Sicht zu bekommen, klettern beide auf das Dach eines Hauses. Oben angekommen müssen sie, statt schönem Ausblick, mit ansehen, wie sich eine geladene Kalaschnikow gegen sie richtet. „Das waren zum Glück nur bewaffnete Wächter, die dafür sorgen, dass keiner nachts in der Gegend Unsinn macht“, sagt Andreas. Die Wächter seien nicht aggressiv gewesen. „Für uns, die bis dahin noch keine Erfahrung mit Waffen gemacht haben, war es schon sehr strange.“

Mai 2009. Nach sechs Monaten haben die beiden ihr Ziel endlich erreicht: Dar Es Salam. Auf dem Weg dahin sind sie Opfer eines Hoteldiebstahls geworden. Bis auf die Videokamera sind alle elektronischen Geräte weg. Auch die 12-Gigabyte-Festplatte mit den Fotos. Was bleibt, sind ein paar Aufnahmen, die sie zwischendurch nach Deutschland geschickt haben. Zeit zum Nachtrauern bleibt ihnen allerdings nicht. Denn sie sind im Rahmen des Linux4Afrika-Projekts  unterwegs.

Entstanden ist Linux4Afrika im Jahr 2006. Mitglieder des gemeinnützigen Freiburger Vereins FreiOSS e.V., die sich für die Verbreitung von Open-Source-Software auf nationaler und internationaler Ebene einsetzen, haben das Projekt ins Leben gerufen. Ihre Vision: afrikanische Schulen mit alten Rechnern ausstatten. „Wir sammeln alte PCs, installieren darauf das Linux-Betriebssystem, und schon laufen sie wieder flott“, erklärt Andreas. Der entscheidende Punkt hierbei sei aber der Wegfall der Nutzungslizenzen. Nur den Server müssen sie neu dazukaufen. Und so entsteht nach und nach ein ganzes Netzwerk, das den Schülern in Afrika eine völlig neue Kommunikations- und Lernmöglichkeit bietet.

Einen Nachteil gibt es dennoch: Linux4Afrika agiert interkontinental und fußt somit auf Vertrauensbasis. Und genau hierin besteht das Problem. Nämlich in der  Zusammenarbeit zwischen Sender (Mitglieder des FreiOSS, die Rechner nach Afrika schicken) und Empfänger (Ein IT-Mann in Dar Es Salem, der die Rechner entgegennimmt, sie verwaltet und instand hält). „Zwar haben beide Seiten auf Englisch miteinander gesprochen“, sagt Andreas. Aber die Erwartungen und die Intension seien völlig unterschiedlich. „Er hat gedacht, dass bei dieser Zusammenarbeit mehr für ihn rausspringen würde.“

4Und so verbringen die beiden statt zwei Wochen zwei Monate in Tansania. Sie haben vor Ort mit dem Mann gesprochen, der für die Zusammenarbeit verantwortlich ist. Gleichzeitig sollen sie nach einem Ersatz für ihn suchen. „Wir haben tatsächlich jemanden gefunden“, sagt Andreas. Doch ob er auch der Richtige für diesen Job sei, das wissen die beiden nicht. Sie können nur hoffen, dass der „Neue“ mit anderer Motivation an die Sache rangeht. Eine Frage bleibt dennoch unbeantwortet: Wie wollen die Mitglieder des FreiOSS den jetzigen „Geschäftspartner“ kündigen?

Mittlerweile sind mehr als sieben Monate vergangen. Sie haben sich mit der Zeit verschätzt. Die letzte Möglichkeit, trotzdem noch pünktlich nach Deutschland zu kommen, ist ein Flug von Dar Es Salem nach Zagreb. „Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres als mit dem Flugzeug zu reisen“, stellt Andreas klar. Man steige ein, schläft ein paar Stunden, und steige am anderen Ende der Welt aus. „Anderes Klima, andere Menschen, totaler Kulturschock!“. Und doch mussten sie den Flug nach Zagreb nehmen. Von dort aus fahren sie mit dem Fahrrad wieder zurück nach Deutschland.

„Die Entwicklungshilfe ist sinnvoll, denn der Stein ist ins Rollen gebracht worden“

Nun sitzt Andreas auf der Couch und spielt mit dem roten Bändchen, das seine Locken daran hindert, ins Gesicht zu fallen. Er wirkt nachdenklich, hält öfter und länger inne. „Die Entwicklungsarbeit ist sinnvoll“, sagt er. Denn der Stein sei schon ins Rollen gebracht worden. Er meint damit die Globalisierung und die Verwestlichung Afrikas. Aber solche Themen, solche Bilder sind noch zu frisch in Erinnerung, um ausführlich darüber zu reden. Er freut sich erst einmal, wieder zu Hause zu sein. Und darüber, zu wissen, was ihn morgen oder übermorgen erwartet. Das Studium will er auch noch zu Ende bringen. Und natürlich das Video, das muss ja auch noch geschnitten werden. Wohin die nächste Reise führen wird, das weiß er nicht. „Ich bin auch erst seit zwei Monaten wieder in Deutschland“, sagt er. Und lacht.

Der Autor

Zitat des Tages

"Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."

Meine Flickr Fotos

Once homeboys, always homeboys

Panel flat

Greek-Orthodox Church

Panamera

Panamera advertisement

More Photos

Fundamental Twitter announcements:

  • @ProSieben Koks im Spiel? Hat Pro7 vor, der Sache auf den Grund zu gehen? 2 months ago
  • @napoleonoutlawz / Salam brother Mutah, will you ever make music again with the Lawz? 4 months ago
  • Another interesting documentary: "Crips & Bloods - Made in America" / never heard of "Mara Salvatrucha" aka "MS-13"! 4 months ago
  • @ReaIMattLucas / Mr. Lucas are there any plans you come with the Little Britain show to Germany? 4 months ago
  • Reading "The Next 100 Years" by George Friedman / according to him China will go down in 2020 and Mexico challenges USA in 2100... 4 months ago

Blog Stats

  • 5,548 hits

 

November 2009
M D M D F S S
« Okt    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

RSS SPIEGEL-Topmeldungen

  • Fußball-Manipulationsskandal: DFB setzt Krisenstab gegen Wettbetrug ein November 23, 2009
    Kritiker werfen dem Deutschen Fußball-Bund vor, Wettbetrug nicht effektiv genug zu bekämpfen. Jetzt hat Präsident Zwanziger eingeräumt, dass der Verband "absolut überfordert" sei, allein gegen Manipulationen vorzugehen. Eine neu gegründete Task Force soll die Polizeiermittler aber unterstützen.
  • Fall Fariba Padschuh: Irans Regime rächt sich an Journalistin November 23, 2009
    Kein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Die Journalistin wurde erst in ein Verlies gesteckt, jetzt befindet sie sich in einer Zelle mit winziger Lichtluke, ohne Heizung. Täglich wird sie verhört - manchmal bis spät in die Nacht.
  • Beunruhigende Studien: Tausende Wachkoma-Diagnosen zweifelhaft November 23, 2009
    Zehntausende Menschen liegen in Deutschland im Wachkoma. Doch neue Studien zeigen, dass jede dritte Diagnose falsch sein könnte: Die Betroffenen sind zumindest teilweise bei Bewusstsein - aber können sich nicht bemerkbar machen.
  • Westerwelles Antrittsbesuch: Berlin kritisiert Israels Siedlungspolitik November 23, 2009
    Kurz vor dem Antrittsbesuch Guido Westerwelles in Nahost hat die Bundesregierung Israels Siedlungspolitik scharf kritisiert. Der geplante Bau neuer Häuser in Ost-Jerusalem sei ein Stolperstein für den Friedensprozess. Der neue deutsche Außenminister wird in Israel besonders scharf beobachtet.
  • Imagepflege an der Wall Street: Goldman-Chef mimt den Krisensünder November 23, 2009
    An der Wall Street feiern Banker schon wieder den Bonussegen. Entsprechend groß ist die Wut auf die Finanzbranche. Goldman-Sachs-Chef Blankfein räumt nun eine Mitschuld an der Krise ein - doch die Pose des reuigen Sünders nimmt ihm kaum einer ab.
  • Streit um Opel-Hilfen: Koch will GM kein Staatsgeld geben November 23, 2009
    Roland Koch schaltet auf stur: Der hessische Ministerpräsident sieht keinen Grund, dem Opel-Mutterkonzern General Motors Finanzhilfen zu geben. Was das für die deutschen Standorte bedeutet, ist unklar - denn andere Länder haben dem US-Konzern Hunderte Millionen Euro geboten.
  • Uni-Sport: Turne lieber ungewöhnlich November 23, 2009
    Toll, dass es Uni-Sport gibt. Aber oft sind die Angebote ziemlich fad, fanden die UniSPIEGEL-Autorinnen Lisa Seelig und Elena Senft. In Berliner Turnhallen testeten sie die drolligsten Leibesübungen - von Popping über Pantomime bis zu hawaiianischem Hula.
  • Bündnis: Microsoft und Murdoch planen Attacke auf Google November 23, 2009
    Zwei Giganten starten eine Offensive gegen Google: Der Softwarekonzern Microsoft und die Mediengruppe News Corp. des Medienmoguls Rupert Murdoch planen laut "Financial Times" ein Online-Bündnis, damit bestimmte Medieninhalte nur noch bei der Suchmaschine Bing auffindbar sind.
  • Pensionsverpflichtungen: Unternehmen warnen vor Milliardenfolgen durch Opel-Insolvenz November 23, 2009
    Der Opel-Gipfel in Brüssel soll mehr Klarheit über Staatshilfen für den Autobauer bringen. Doch die deutschen Arbeitgeber kann das nicht beruhigen. Sie befürchten für den Fall einer Pleite Milliardenbelastungen. Grund sind die hohen Pensionsverpflichtungen des Konzerns.
  • Three Mile Island: Radioaktive Strahlung in US-Kernkraftwerk ausgetreten November 23, 2009
    Zwischenfall im berühmt-berüchtigten Atomkraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania: Nach Angaben der Behörden ist in einem Gebäude Radioaktivität ausgetreten. Einige Arbeiter waren dem Betreiber zufolge einer geringen radioaktiven Strahlung ausgesetzt, die Bevölkerung nicht.

RSS BBC Top News

RSS HINDUSTAN TIMES News

  • Ten more arrested in Orissa November 23, 2009
    Police arrested 10 more people on Monday for attacking a police station and looting weapons three days ago in Orissa’s Koraput district, taking the total arrests to 30, officials said.
  • 21 killed in political violence in southern Philippines November 23, 2009
    Twenty-one people, including journalists, were killed on Monday in an outbreak of political violence in the southern Philippines, the military said.
  • Qureshi says collecting evidence of Indian role in Balochistan November 23, 2009
    Pakistan Foreign Minister Shah Mahmood Qureshi has accused India of supporting militants in Balochistan province and tribal areas bordering Afghanistan, saying Islamabad was compiling "hard evidence" to support its claims.
  • Five Assam Rifles troopers killed in Manipur November 23, 2009
    Five paramilitary troopers, including a major and a captain, were killed in an ambush by separatists on Monday in Manipur, officials said.
  • Youth arrested for crossing LoC in Poonch November 23, 2009
    Security forces arrested a youth for allegedly crossing the Line of Control (LoC) in Poonch district of Jammu and Kashmir, officials said.
  • Unidentified militant killed in encounter in Imphal November 23, 2009
    An unidentified militant was shot dead in an encounter with security personnel in interior Thoubal district of Manipur, police sources said on Monday.
  • Pakistan nuclear facilities at risk: security expert November 23, 2009
    A Taliban insurgency and the war in neighbouring Afghanistan have put Pakistan's nuclear arsenal at risk giving rise to a "troubling" situation, an arms control expert who served as former US President George W Bush's national security adviser has said.