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Nein, es ist noch nicht verschollen. George Friedmans geopolitisches Werk „Die nächsten 100 Jahre – die Weltordnung der Zukunft“ liegt seit geraumer Zeit auf meinem Schreibtisch und verschwand allmählich unter einen dicken Staubschicht. Gestern Abend, irgendwann zwischen dem Harrison Ford-Thriller „Die Stunde der Patrioten“ und einer Steinmeier-Dokumentation auf Phönix, überkam mich die Lust ein weiteres Buchkapitel aufzuschlagen. In diesem beschäftigt sich der Politologe mit dem Aufstieg der Vereinigten Staaten zu einer Weltmacht.
Jener Prozess ist zurückzuführen auf die Vormachtstellung der USA im Atlantik und Pazifik. Denn: „Die Kontrolle über die Weltmeere ist der Schlüssel zur Kontrolle über die Welt.“ Doch wie haben sie es geschafft die Amerikaner, wie haben sie es geschafft, solch eine dominante Position einzunehmen?
Wir überspringen an dieser Stelle die letzten Jahrhunderte, in denen Spanier, Franzosen und Briten die Welt umsegelten, Kolonien errichteten und Europa damit zum Zentrum der Welt machten und kommen gleich zu der Hitler-Ära.
Zum Glück war da eben jener Zweite Weltkrieg, der den Amerikanern gewissermaßen hervorragend ins Konzept passte. Bevor die GIs europäischen Boden betraten, unterstützte Amerika die Briten mit Kriegsmaterial. Dies war ein Teil des „Lend-Lease-Act“-Abkommens zwischen den beiden Parteien. Im Gegenzug verpflichtete sich Großbritannien sämtliche ihrer Marinestützpunkte in der westlichen Hemisphäre an die USA zu übergeben.
Im Vergleich zu anderen Nationen überstand Amerika den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Keine Bombe fiel auf das nordamerikanische Territorium. Und Gefallene? Rund 500.000 Soldaten, was weniger als ein Prozent aller Kriegsopfer ausmacht.
Mit der Kontrolle über die Weltmeere, durften sich die einstigen westeuropäischen Großmächte auch von ihren Kolonien verabschieden, zum Teil aus Erschöpfung, zum Teil aus Kostengründen und zum Teil, weil es den Amerikanern strategisch missfiel.
Später zu Zeiten des Kalten Krieges musste auch Russland, als einziger ernstzunehmender Konkurrent der USA, die Segel streichen. Auch sie waren im Würgegriff der Amerikaner, abgeschnitten von den Weltmeeren und damit abgeschnitten vom internationalen Handelssystem. Was das zur Folge hatte, zeigt George Friedman am Beispiel von Ost- und Westdeutschland. Aus dem Handelssystem ausgeschlossen zu sein, bedeutete Armut, Teil des Systems zu sein, dagegen Wohlstand.
Ergo war es also eine Frage der Zeit bis es zum Zusammenbruch der Sowjetunion kam. Das war im Jahr 1991 und seitdem sind die USA die einzige Supermacht und das Zentrum des internationalen Beziehungsgefüges. Und Friedman zufolge befindet sich Amerika heute erst noch in der Frühphase ihrer Macht.
Wie der Autor darauf kommt? Nun, er vergleicht das heutige Amerika mit dem Europa des 16. Jahrhunderts. Damals herrschte auf unserem Kontinent die Barbarei, die erste Phase eines Drei-Schritte-Systems, das laut Friedman jede Kultur im Laufe ihrer Zeit durchläuft. Die Barbaren waren der Auffassung, dass andere, die nicht so leben wie sie, entweder bekehrt oder zerstört werden müssen. Damals waren es beispielsweise die Spanier, die Südamerika bluten ließen. Heute versuchen die USA der islamischen Welt die Demokratie aufzuzwängen.
Die zweite Phase ist die Zivilisation, In dieser wird Toleranz groß geschrieben. Widersprüchliche Auffassungen werden somit nebeneinander geduldet. Schließlich folgt die Dekadenz, eine Zeit, in der es nichts gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Friedman zufolge sind die drei Phasen unvermeidlich und notwendig für die Entwicklung. Er geht davon aus, dass das heutige barbarische Amerika, ähnlich wie Europa im 16. Jahrhundert, trotz ihrer häufig unbeholfenen und brutalen Vorgehensweise auftrumpft und schließlich eine noch mächtigere Rolle einnehmen wird.
Das war’s für heute. Nächster Halt: „Das islamische Beben“. Zugriff erfolgt: bald…
Ist George Friedman etwa auch ein Verschwörungstheoretiker, der in seinem Buch „Die nächsten 100 Jahre – die Weltordnung der Zukunft“, die Menschheit in der Hand von gierigen Bankiers sieht? Schaun mer mal, ich bin schließlich erst beim Prolog angelangt.
Jedenfalls, wirft der Politik-wissenschaftler und Experte für Geopolitik – wie der Buchtitel schon sagt – einen Blick in unsere Zukunft. Doch wie macht er das denn? Ist da ein neuer Nostradamus am Start? Ist Friedman gar im Besitz einer Kristallkugel? Nein, nicht ganz, letzteres streitet er zumindest bereits im Vorwort ab.
Friedman, auch Geschäftsführer der Denkfabrik STRATFOR, beschreibt sein politisches Frühwarnsystem folgendermaßen: „Was ich habe, ist eine Methode, die mir – trotz aller Unvollkommenheit – beim Verständnis der Vergangenheit und beim Blick in die Zukunft gute Dienste geleistet hat. Ich sehe meine Aufgabe darin, hinter der scheinbaren Unordnung der Geschichte eine Ordnung zu erkennen und zu prognostizieren, welche konkreten Ereignisse, Tendenzen und Technologien diese Ordnung hervorbringen wird.“
Friedmann analysiert also die vergangenen Jahrhunderte, benennt die wichtigsten Entwicklungen der Gegenwart und leitet daraus ab, was uns in den kommenden Jahrzehnten erwartet.
Dass er sich dabei irren wird und dass nicht alles so zutrifft, wie er es skizziert, verstehe sich von selbst, erläutert der Autor, der sich als „konservativen Republikaner“ beschreibt.
Also gut, nächster Halt Kapitel 1: „Das Amerikanische Zeitalter“.





